Rund 88 Prozent aller Schweizer Unternehmen sind familiengeführt. Damit sind Familienunternehmen das Rückgrat der Wirtschaft – und die Unternehmensnachfolge in diesem Kontext besonders sensibel. Wenn Eigentum, Management und familiäre Beziehungen ineinandergreifen, entstehen Chancen wie auch Konflikte. In diesem Beitrag geht es um die besonderen Dynamiken von Familienunternehmen, die Rolle der nächsten Generation und die Frage, wie Werte und Vielfalt in die Zukunft getragen werden können.
Die besondere Rolle der Familienunternehmen
Familienunternehmen prägen nicht nur die Schweizer Wirtschaft, sondern auch ihre Kultur. Sie verbinden langfristiges Denken mit regionaler Verankerung und starkem Verantwortungsbewusstsein gegenüber Mitarbeitenden. Gerade deshalb sind sie so bedeutend: Sie investieren nachhaltig, bleiben Krisen oft treuer und schaffen stabile Arbeitsplätze. Zahlreiche, teils weltberühmte Schweizer Unternehmen sind auch auf internationalem Parkett noch in Familienhand.
Doch die Stärken können auch zur Schwäche werden. Wenn Entscheidungen nicht rechtzeitig getroffen oder Konflikte unter den Teppich gekehrt werden, gerät die Nachfolge ins Stocken. Laut aktuellen Erhebungen haben 40 Prozent der Familienunternehmen in der Schweiz noch keine klare Nachfolgeregelung getroffen – trotz hohem Druck durch Demografie und Märkte.
Wertewandel und die Erwartungen der NextGen
Die nächste Unternehmergeneration bringt neue Vorstellungen mit. Während die Elterngeneration oft stark vom Gedanken des Lebenswerks und der materiellen Sicherheit geprägt war, rücken heute andere Werte in den Vordergrund:
- Sinnorientierung: Junge Nachfolgerinnen und Nachfolger suchen verstärkt nach Purpose, Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Wirkung. Egal wie es auf die ältere Generation wirkt, es ist ihre Welt. Sich darauf einzulassen kann nicht schaden, höchstens den Horizont erweitern.
- Work-Life-Balance: Die Bereitschaft, das eigene Leben komplett dem Betrieb unterzuordnen, nimmt ab. In Anbetracht des generellen Gesundheitszustands ein spannender Versuch, hier prophylaktisch Einfluss zu nehmen und das Leben nicht erst nach der Pensionierung so richtig anzugehen. Die Geschichte wird uns lehren, wie erfolgreich diese Strategie ist.
- Digitalisierung und Innovation: Die NextGen bringt häufig digitale Kompetenz und den Mut mit, bestehende Geschäftsmodelle neu zu denken. Davor braucht man keine Angst zu haben, eine gesunde Neugier gepaart mit Erfahrung und digitaler Kompetenz hat schon ganze Geschäftsmodelle zutage befördert, die sogenannte «Einhörner» gezaubert haben. Ein Beispiel, dass wohl jede Person kennt: Musik-Streaming.
Für viele Unternehmerfamilien bedeutet das, alte Denkmuster loszulassen und den Übergang auch als Chance zur Erneuerung zu sehen.
Instrumente zur erfolgreichen Familiennachfolge
Ein bewährtes Mittel, um Klarheit zu schaffen, ist die sogenannte Familienverfassung (Charta). Darin werden Werte, Regeln und Entscheidungsprozesse schriftlich festgehalten. Sie dient als Leitplanke und reduziert das Risiko von Missverständnissen. Typische Inhalte sind:
- Rolle von Familienmitgliedern im Unternehmen
- Kriterien für die Auswahl von Nachfolgern
- Regeln für Gewinnverwendung und Beteiligung
- Mechanismen zur Konfliktlösung
Eine Familienverfassung ersetzt keine juristischen Verträge, ergänzt diese aber durch eine gemeinsame Verständigung auf Augenhöhe. Und kann bares Geld wert sein. Und durchaus auch Nerven schonen und Familien friedlich bleiben lassen.
Fairness und Vielfalt in der Nachfolge
Ein zentraler Erfolgsfaktor ist Fairness. Alle potenziellen Nachfolger sollten das Gefühl haben, dass Auswahlprozesse transparent und nachvollziehbar sind. Das gilt auch für externe Kandidaten, wenn sich innerhalb der Familie keine Lösung findet.
Zunehmend rückt auch das Thema Diversität in den Fokus – auch wenn die USA hier vermeintlich eine Rückkehr einläuten. In der Schweiz leben rund ein Viertel Ausländer, auch diese konsumieren und haben Bedürfnisse. Woher kennen Sie diese? Oder auch ganz Klassisch: Zwar werden erst rund 10 Prozent der KMU in der Schweiz von Frauen geführt, doch die Chancen steigen insbesondere in familieninternen Nachfolgen. Frauen bringen oft wertvolle Perspektiven in Führung und Kultur ein – Potenzial, das es stärker zu nutzen gilt. Auch hier könnten wir Ihnen ganze Beiträge in Zahlen zur Untermauerung bieten. Wer interessiert ist, darf uns gerne ein Feedback geben und wir denken über einen Beitrag hierzu nach.
Emotionale Intelligenz als Schlüssel
Familieninterne Nachfolge bedeutet fast immer, dass Emotionen eine starke Rolle spielen. Erwartungen, Rivalitäten oder unausgesprochene Wünsche können den Prozess erschweren. Auch ungeklärte Familieninterne Geschichten sind nicht selten.
Hier ist emotionale Intelligenz gefragt – sowohl bei der abgebenden Generation als auch bei den Nachfolgenden. Offene Gespräche, externe Moderation und klare Strukturen helfen, Konflikte zu entschärfen und Vertrauen aufzubauen.
Fazit: Tradition bewahren, Zukunft gestalten
Die Nachfolge in Familienunternehmen ist eine der anspruchsvollsten Formen der Unternehmensübergabe. Sie erfordert Klarheit, Mut und Kompromissbereitschaft. Wenn es gelingt, Werte und Traditionen mit den Ideen der NextGen zu verbinden, entsteht ein kraftvoller Mix: Bewährtes bleibt erhalten, Neues kann wachsen.
Damit sichern Familienunternehmen nicht nur ihr eigenes Fortbestehen, sondern leisten auch einen entscheidenden Beitrag für die Stabilität und Innovationskraft der Schweizer Wirtschaft.