Der Arbeitsmarkt bleibt angespannt. Viele Organisationen investieren erheblichen Aufwand in die Gewinnung neuer Mitarbeitenden, dabei übersehen sie eine Gruppe, die ihnen bereits vertraut ist: frühere Mitarbeitende. Rückkehrerinnen und Rückkehrer, oft als Boomerang Employees bezeichnet, galten lange als Ausnahme oder gar als heikel. Heute zeigt sich zunehmend ein anderes Bild. In vielen Schweizer Unternehmen tauchen ehemalige Mitarbeitende wieder auf Bewerbungslisten auf. Nicht aus Mangel an Alternativen, sondern aus strategischer Überlegung.
Diese Entwicklung ist kein kurzfristiger Trend. Sie ist Ausdruck eines veränderten Verständnisses von Karrieren, Loyalität und Organisationen, die sich selbst weiterentwickeln.
Warum das Thema heute relevant ist
Karrieren verlaufen heute selten linear. Berufsbiografien sind geprägt von Wechseln, Lernschleifen und bewussten Unterbrüchen. Gleichzeitig verändern sich Unternehmen: Strukturen, Führungskulturen und strategische Ausrichtungen sind nicht statisch. Was früher als endgültiger Abschied galt, ist heute oft nur eine Phase.
Vor diesem Hintergrund stellt sich eine neue Frage: Wie gehen Organisationen mit ehemaligen Mitarbeitenden um, die mit zusätzlicher Erfahrung zurückkehren möchten? Und was sagt diese Offenheit über die eigene Kultur aus?
Gerade für KMU in der Schweiz, die auf Vertrauen, Stabilität und Wissenstransfer angewiesen sind, gewinnt diese Frage an Bedeutung.
Zentrales Spannungsfeld: Vertrautheit vs. Weiterentwicklung
Boomerang Employees bewegen sich in einem Spannungsfeld. Auf der einen Seite stehen Vertrautheit, eingespielte Abläufe und bekannte Rollen. Auf der anderen Seite bringen Rückkehrer neue Perspektiven, Erwartungen und Erfahrungen mit.
Für Organisationen entsteht daraus eine zentrale Herausforderung: Rückkehr darf nicht als Rückschritt verstanden werden, weder für die Organisation noch für die betreffende Person. Gleichzeitig braucht es Klarheit darüber, was sich seit dem Weggang verändert hat und was nicht.
Ohne diese Klärung besteht die Gefahr, alte Muster unbewusst zu reaktivieren. Mit ihr entsteht die Chance, Bekanntes und Neues sinnvoll zu verbinden.
Die menschliche und kulturelle Dimension
Rückkehr ist immer auch ein emotionaler Prozess. Für die Organisation ebenso wie für die zurückkehrende Person. Erwartungen sind oft unausgesprochen: Man kennt sich, also „funktioniert es wieder“. Genau darin liegt ein Risiko.
Nicht selten haben sich Teams, Führungsrollen oder Entscheidungswege verändert. Rückkehrer wiederum haben andere Arbeitsweisen kennengelernt und bringen implizite Vergleiche mit. Diese Dynamiken sind weder positiv noch negativ. Sie sind schlicht vorhanden.
Entscheidend ist, ob Führung und HR bereit sind, diese Spannungen anzusprechen. Boomerang Employees funktionieren dann gut, wenn sie nicht als „alte Bekannte“, sondern als vollwertige Neue mit bekanntem Hintergrund behandelt werden. Das betrifft Onboarding, Rollenklärung und Erwartungen an Zusammenarbeit.
Gelingt dies, zeigt sich häufig ein weiterer Effekt: Teams erleben Rückkehr als Zeichen von Attraktivität. Wer zurückkommt, bestätigt implizit, dass sich ein Unternehmen entwickelt hat, oder zumindest den Vergleich nicht scheuen muss.
Prinzipien & Leitplanken
Aus der Praxis lassen sich einige übergeordnete Prinzipien ableiten, die Orientierung geben können:
- Rückkehr ist eine bewusste Entscheidung Sowohl Organisation als auch Rückkehrer sollten klar benennen können, warum eine erneute Zusammenarbeit sinnvoll ist und warum gerade jetzt.
- Bekanntheit ersetzt kein Onboarding Ein strukturiertes Wiedereinsteigen signalisiert Wertschätzung und verhindert falsche Annahmen auf beiden Seiten.
- Veränderungen transparent machen Was hat sich seit dem Weggang verändert – kulturell, strukturell, strategisch? Offenheit schafft Realismus.
- Neue Rolle ernst nehmen Rückkehrer kommen nicht zurück in die Vergangenheit. Klare Rollenbeschreibungen helfen, alte Dynamiken nicht unbewusst zu reproduzieren.
- Rückkehr als Kulturthema verstehen Der Umgang mit ehemaligen Mitarbeitenden sagt viel über die Lernfähigkeit und Reife einer Organisation aus.
Diese Leitplanken ersetzen keine Entscheidungen. Sie helfen jedoch, die richtigen Fragen zu stellen.
Fazit
Boomerang Employees sind weder Allheilmittel noch Notlösung. Sie sind eine Option, mit besonderen Chancen und spezifischen Anforderungen. Organisationen, die Rückkehr differenziert betrachten, profitieren nicht nur von kürzeren Einarbeitungszeiten oder geringerem Risiko. Sie stärken auch ihre eigene Kultur im Umgang mit Veränderung, Beziehungen und beruflichen Lebensläufen.
Vielleicht liegt der eigentliche Wert von Rückkehrern weniger in ihrer Produktivität als in dem Spiegel, den sie der Organisation vorhalten.